Es war eine kleine Reise in die Vergangenheit: Die Smashing Pumpkins spielten in der ZAG Arena in Hannover ihre einzige deutsche Indoor Show. 7.000 Fans waren gekommen, die mit William Corgan zurück in die Tiefen der 90er Jahre reisten und einen phänomenalen Abend erleben durften.

Interpol als Auftakt – stilvoll, aber unterkühlt

Den Abend eröffnen Interpol mit einem pünktlichen Set um 19:30 Uhr. Die New Yorker Band liefert routiniert ab, wirkt dabei aber distanziert und wenig zugänglich. Der Sound stimmt, die düstere Ästhetik sitzt, doch es fehlt an Verbindung zum Publikum. Vor der noch spärlich gefüllten Arena bleibt die Stimmung verhalten – ein solider, aber unterkühlter Start in einen Abend, der erst später seine Richtung finden wird.

Licht aus – die Pumpkins übernehmen

Als kurz vor 21 Uhr das Licht in der ZAG Arena erlischt, schwenkt die Atmosphäre um. Die Bühne gehört nun The Smashing Pumpkins. William Corgan, Jimmy Chamberlin und James Iha betreten gemeinsam mit Gitarristin Kiki Wong, Bassist Jack Bates und Sängerin Katie Cole die Bühne – ein Kollektiv aus Originalen und neuen Kräften, das von Beginn an Präsenz zeigt.

„The Everlasting Gaze“ und „Doomsday Clock“ geben den Einstieg vor: druckvoll, schwer, mit der typischen Wucht, die Corgans Werk seit jeher auszeichnet. Gleich der dritte Song bringt ein überraschendes Highlight – das kraftvolle Cover von U2s „Zoo Station“. Ein Track, der im Original und auf Albumlänge unerwartet erscheinen mag, sich live im Pumpkins-Sound aber zu einem donnernden, frühen Höhepunkt entwickelt. Vor allem Jimmy Chamberlins Drum-Solo setzt hier ein Ausrufezeichen – präzise, energiegeladen, kompromisslos.

Klassiker, Klanglandschaften und Kontraste

Was folgt, ist ein Set, das sich durch mehrere Kapitel der Bandgeschichte zieht – mit Schwerpunkt auf den Neunzigern. „Today“ löst Begeisterung aus, „Thru The Eyes Of Ruby“ breitet sich in weiten Klangschichten aus, getragen von Corgans charakteristischer Stimme. Die Band spielt eng verzahnt, die Dynamik zwischen Alt und Neu funktioniert.

Mit „Spellbinding“ beginnt ein Ausflug in das aktuelle Werk Atum, einer dreiteiligen Rockoper, die 2023 abgeschlossen wurde. Insgesamt fünf Songs aus dem Album finden ihren Platz im Set – atmosphärisch dicht, stilistisch kantig, mit klarer Handschrift.

Ein Set mit Substanz – keine falsche Romantik, sondern echte Musik

Die Setlist ist klug zusammengestellt: „Tonight, Tonight“, „Ava Adore“, „Disarm“ und „Mayonaise“ greifen tief in die Diskografie der Band. Jeder Song wird mit Präzision gespielt, ohne sich in Nostalgie zu verlieren. The Smashing Pumpkins zeigen an diesem Abend nicht nur, woher sie kommen – sie zeigen auch, dass sie im Jetzt angekommen sind.

Mit „Bullet With Butterfly Wings“ und „1979“ folgt ein starker Doppelschlag, der in der Halle gefeiert wird. Kein überzogener Jubel, sondern ehrliche Begeisterung. Corgan gibt sich konzentriert, spricht wenig, lässt die Musik für sich sprechen.

Finale ohne Kompromisse

Auf Showelemente wie Zugabenrituale verzichten die Pumpkins – nach 125 Minuten endet das Konzert mit „Cherub Rock“ und „Zero“ in purer Gitarrenenergie. Es ist ein Abschluss, der nicht künstlich überhöht wird, sondern das fortführt, was der Abend konsequent aufgebaut hat: ein klarer, kraftvoller Bogen durch über drei Jahrzehnte Musikgeschichte.

Persönlicher Nachklang

The Smashing Pumpkins haben in Hannover nicht einfach alte Erfolge abgespult – sie haben gezeigt, wie man ein vielschichtiges Werk auf die Bühne bringt, ohne in Rückschau zu verharren. Es war ein Konzert, das durch Tiefe, Dichte und musikalische Schärfe überzeugte. Keine Show für die schnelle Euphorie – sondern ein Abend für alle, die mit dieser Band gewachsen sind.

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