Foto torsten gadegast

Ein Soloabend abseits der großen Stadien

Mit The Smashing Pumpkins tourte Billy Corgan noch wenige Tage zuvor durch die ganz großen Bühnen – Rock am Ring, Rock im Park und die Zitadelle Spandau standen zuletzt auf dem Programm. Doch bevor es zurück in die USA ging, gönnte sich der exzentrische Frontmann eine intime Auszeit: Ein Soloabend im ausverkauften Grünspan auf der Großen Freiheit – nur Stimme, Gitarre, Klavier und jede Menge Atmosphäre.

Katie Cole eröffnet den Abend

Den Auftakt machte Katie Cole, die nicht nur Teil der aktuellen Smashing Pumpkins-Liveband ist, sondern auch als Solokünstlerin zu überzeugen weiß. Mit nur drei Songs bereitete sie die Bühne für das Kommende vor – zurückhaltend, fokussiert, warm. Das Publikum im aufgeheizten Grünspan zeigte sich von Beginn an aufmerksam und aufgeschlossen.

Schwarzer Umhang, neue Klänge

Punkt 19:30 Uhr betrat Billy Corgan die Bühne – ganz in Schwarz gehüllt, mit Umhang und der Aura eines Mannes, der sich nicht mehr erklären muss. Mit „Black Lung“ eröffnete er den Abend und feierte zugleich eine Weltpremiere: Der Song war bislang noch nie live zu hören gewesen. Ein stiller, dunkler Einstieg, der sofort die Richtung vorgab. Hier ging es nicht um die großen Hymnen – zumindest noch nicht.

Ein Blick in die Seele

Der erste Teil des Abends war ganz dem Solo-Schaffen Corgans gewidmet. Stücke wie „Buffalo Boy“ und „Dancehall“ präsentierte er in zerbrechlicher Akustik-Version, bei zweien davon unterstützt von Katie Cole, die sich dezent einfügte. Am Piano oder an der Gitarre, mit rauem Timbre und melancholischer Grundstimmung zeichnete Corgan ein musikalisches Selbstporträt – voller leiser Dringlichkeit.

Der erste Block endete mit dem „Sons of the Pioneers“-Cover „Along the Santa Fe Trail“ – ein Abgesang auf die rastlose Seele, irgendwo zwischen Westernromantik und innerer Unruhe. Eine kurze Pause folgte, die von vielen genutzt wurde, um der tropischen Hitze des Clubs mit Getränken zu trotzen. Billy Corgan hingegen reagierte ungehalten auf das Kommen und Gehen – ließ mehrfach durchblicken, dass er notfalls auch warten könne, bis wieder Ruhe herrsche. Sein Abend, seine Regeln.

Große Songs in kleinem Raum

Mit dem zweiten Teil des Konzerts änderte sich die Tonalität schlagartig. Nun standen ausgewählte Songs der Smashing Pumpkins auf dem Programm – jedoch in gänzlich reduzierten, oft tief emotionalen Akustik-Versionen. Das Publikum, längst eingesogen in die Darbietung, sang mit, jubelte, lebte jede Zeile. Die distanzierte Aura des ersten Sets wich einem spürbaren Miteinander.

Ein besonderes Highlight folgte in der Mitte des Sets: Am Klavier interpretierte Corgan „Breaking the Law“ von Judas Priest – eine ebenso unerwartete wie bewegende Wahl, die dem Hardrock-Klassiker eine fast fragile Tiefe verlieh. Der Moment ließ selbst die luftfeuchte Clubhitze für einen Augenblick in den Hintergrund treten.

Finale mit Klassikern

Mit „Tonight, Tonight“ und „1979“ ging es dann an die ikonischen Songs. Reduziert auf das Wesentliche, entfalteten sie eine ungeahnte Nähe – keine orchestralen Arrangements, keine Wände aus Gitarren, nur Stimme, Tasten, Herz. „Disarm“ beendete schließlich das offizielle Set – und schien zugleich das Publikum zu provozieren, denn Standing Ovations und lautstarke Rufe holten Corgan zurück.

„A Song for a Son“ und das unvermeidliche „Today“ rundeten diesen besonderen Abend ab. Letzteres als fast ironischer Abschluss einer Show, die so wenig von der einstigen Stadiongröße hatte und doch so viel mehr von der Essenz eines Künstlers offenbarte, der sich selbst genügt – und dabei sein Publikum doch immer wieder neu berührt.

Nachklang

Billy Corgan im Grünspan – das war keine nostalgische Reise durch alte Zeiten, sondern eine rare Gelegenheit, einem Künstler in seiner persönlichsten Form zu begegnen. Ohne große Inszenierung, ohne Pyrotechnik, dafür mit Ehrlichkeit, Brüchen und Momenten von ergreifender Schönheit. Wer dabei war, wird diesen Abend nicht vergessen. Und wer ihn verpasst hat, wird ihn so vermutlich nie wieder erleben.

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